Architektur

-

News

Architektur | News

Fuck Concepts! Context!

Die internationale Architektengruppe San Rocco* gibt seit 2011 ein Magazin zur Architektur heraus, für das sie jedes Mal ein neues Call for Papers ausschreibt. Die aktuelle Ausgabe Fuck Concepts! Context! stellt die Inflation architekturfremder Konzepte den Qualitäten räumlicher Kontexte gegenüber.

San Rocco, Zeichnung von pupilla grafik

Freek Persyn: Fuck Context.

Nachbau der Euro-Banknoten-Brücken in Spijkenisse

Typologie der Euro-Banknoten-Brücken

Magazin-Cover Fuck Concepts! Context!, pupilla grafik

The Possibility of Disappearing, Fotos von Stefano Graziani

Wann haben wir eigentlich damit angefangen, nahezu jeden Gegenstand – vom Waffeleisen bis zur Bratpfanne –, jedes Naturphänomen und jede technische Spielerei als Konzeptfolie für architektonische Entwürfe zu verwenden? Schlägt man die aktuelle Ausgabe des Magazins San Rocco auf, das seit 2011 drei Mal jährlich als Anthologie zu einem spezifisch architektonischen Thema erscheint, ist man versucht, die Verantwortlichen schnell im Umfeld des OMA Office for Metropolitan Architecture auszumachen: „Fuck Context.“ heißt die erste Abbildung in der aktuellen Ausgabe des San Rocco Magazine: Zu sehen ist ein weißer Plastikpapierkorb, auf dem ein Mehrfachstecker liegt, nur wenig entfernt steht etwas unmotiviert ein überdimensioniertes gekapptes Ei auf dem Kopf. Was das alles ist, weiß Fotograf Freek Persyn: „Basement of Villa dall’Ava by OMA with model of  the Zeebrugge Sea Terminal by OMA. Fuck Context.“

Ist Architektur, ist städtebaulicher Kontext wirklich so arm an Bezügen, dass wir ständig weit hergeholte Ideen aus gänzlich anderen Zusammenhängen für unsere architektonischen Konzepte bemühen müssen? Das ist die eigentliche Frage, die Fuck Concepts! Context! stellt, eindeutig mit „nein“ beantwortet und gleichzeitig die Form als architektonische Bezugsgröße rehabilitiert: „Konzepte schützen uns davor, uns mit Formen auseinandersetzen zu müssen. Warum sollten wir uns mit Formen quälen, wenn wir eine Idee haben? Warum Zeit verschwenden, um nach Schönheit zu suchen, wenn wir behaupten können, Probleme zu lösen? Warum sollten wir denken, wenn wir fröhlich um einen Tisch herumsitzen können, um ein bisschen Brainstorming zu betreiben? Warum sollten wir mühsam Erfahrungen sammeln, wenn wir auch gleich „Heureka!“ schreien können?“

In Fuck Concepts! Context! geht es darum, die räumliche Komplexität, die in jeder Stadt und jeder Landschaft vorhanden ist, wieder als eigene Qualität wahrzunehmen und aufzuwerten, ohne die Notwendigkeit, dem Vorhandenen ein fremdes Konzept „überzustülpen“: „Komplexität ist schon da, jetzt, hier im gebauten Zusammenhang. Städte und Landschaften sind da, und es ist möglich, sie zu verstehen. Man braucht nichts Anderes. Pass einfach auf, still und unbeweglich. Die Beziehung zwischen Menschen und Gebäuden ist räumlich, einfach auf Grund der Tatsache, dass Menschen und Häuser Teile des Raums beanspruchen – mit dem simplen Unterschied, dass Gebäude dies sehr lange tun und sich nicht bewegen.“

Doch die rund 30 Essays unterschiedlicher Autoren, die Fuck Concepts! Context! dazu versammelt, sind kein in sich geschlossenes Manifest – auch wenn eines dabei ist. Jan Bovelet und Oliver Thill beispielsweise verteidigen das Konzept als immanenten Bestandteil der Moderne, ja als Teil der Kunst seit dem Rococo. Oliver Thill macht sogar deutlich, dass selbst der Kontextualismus – beispielsweise in Form des Kritischen Regionalismus – ein Konzept ist. Ihm geht es eher um eine Kritik an der Schnelllebigkeit zeitgenössischer Moden in der Architektur und vor allem im Rahmen ihrer Mediatisierung.
Jeder der 30 Texte hat einen eigenen, eigenwilligen Zugang zu dem Thema, sei es Cino Zucchis Sammlung von Paul-Valéry-Zitaten, die Geschichte vom Nachbau der Euro-Banknoten-Brücken im niederländischen Spijkenisse oder Nicola Russis zehn Punkte zu „Building Context“, in denen auch OMA rehabilitiert wird...

(Cordula Vielhauer)

San Rocco Magazine:
www.sanrocco.info

*Aldo Rossi und Giorgio Grassi sind die Bezugsgrößen des San Rocco Magazine, denn für den unbedeutenden Ort San Rocco hatten die beiden als junge Architekten einen Wohnungsbau entworfen, der nie realisiert wurde. Die Herausgeber des Magazins erkennen in diesem Entwurf eine besondere Qualität, den „Beginn einer neuen – und fröhlichen – Gestaltungspraxis, die nicht weiter entwickelt wurde“ und die wenig mit dem zu tun hat, was wir heute mit Rossi und Grassi verbinden: „San Rocco greift auf architektonische Traditionen zurück, die außerhalb der privaten Erinnerung liegen (im Gegensatz zu Rossis üblicher Herangehensweise), ohne persönliche Beiträge auszuschließen (im Gegensatz zu Grassis üblicher Herangehensweise). Bei San Rocco ist das Allgemeine nicht trocken und das Persönliche nicht egomanisch. San Rocco scheint eine Architektur zu ermöglichen, die sowohl offen als auch persönlich, sowohl monumental als auch zerbrechlich, sowohl rational als auch zweifelnd ist.“

Das Projekt San Rocco Magazine ist auf fünf Jahre begrenzt und wurde ins Leben gerufen von 2A+P/A, baukuh, Stefano Graziani, Office KGDVS, Pupilla Grafik, Salottobuono und Giovanna Silva.

09.08.2012

Kontext , Konzeption , Raum , Schönheit , Zeit